Antisemitismus im muslimischen Kontext
Eine Orientierungshilfe zur aktuellen Debatte in Wissenschaft und Gesellschaft
Am 9. Oktober 2019, dem höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, griff ein Rechtsterrorist und antisemitischer Verschwörungstheoretiker die Synagoge von Halle an der Saale an; die massive Eingangstür verhinderte einen Massenmord an Juden. Der gescheiterte Versuch war der vorläufige Tiefpunkt einer erschreckenden Entwicklung und u.a. neben Toulouse und Burgas 2012, Brüssel 2014, Paris und Kopenhagen 2015 und Paris 2018 einer von zahlreichen dezidiert antisemitisch motivierten Mordanschläge der letzten zehn Jahre. Während der Attentäter von Halle einen rechtsextremistischen Hintergrund hatte, entstammten die Attentäter in den anderen genannten Fällen dem islamistischen Spektrum. Im September 2021 konnten Sicherheitsbehörden einen von Islamisten ebenfalls für den Jom Kippur geplanten Sprengstoffanschlag auf die Synagoge in Hagen vereiteln.
Auch ein Blick auf die stetig zunehmenden antisemitischen Straftaten der letzten Jahre (s.u.) unterstreicht, dass Deutschland (wie die meisten europäischen Länder1) auch 77 Jahre nach dem Holocaust ein massives Problem mit Antisemitismus hat. Der Berliner Rapper Jonathan Kalmanovich (alias Ben Salomo) hat Antisemitismus in einer Reportage von 2018 mit unheilbaren Herpesviren verglichen. Er zeige sich besonders stark in Zeiten, in denen das Immunsystem der Gesellschaft geschwächt sei.2 Umso tragischer, dass das Phänomen oft nur dann bearbeitet wird, wenn krisenhafte Situationen antisemitisches Gedankengut für alle sichtbar an die Oberfläche bringen.
Wie Teil 1 des vorliegenden Beitrags zum Ausmaß des heutigen Antisemitismus und Teil 2 zu (selbstkritischen) muslimischen Problemanzeigen deutlich machen, gibt es klare Anzeichen dafür, dass Antisemitismus heute besonders stark in muslimischen Kontexten verbreitet ist. Wo dieser konkret thematisiert wird, schwingt jedoch häufig – auch auf Ebene der EU – die Sorge mit, die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen könne islamfeindliche Stimmungen zusätzlich verschärfen und Muslime unter Generalverdacht stellen.
Der vorliegende Beitrag nimmt diese Sorge ernst, gründet aber zugleich auf der festen Überzeugung, dass man real existierende und zumindest teilweise mit spezifisch muslimischen Faktoren verbundene Probleme durch Verdrängen und Wegschauen eher verschärft als überwindet. Die Analyse fragt daher im Hauptteil (3) nach den sehr unterschiedlichen Wurzeln des heutigen Judenhasses unter Muslimen und nimmt in der Auswertung jüngster Forschungs- und Debattenbeiträge sowohl die Bedeutung antijüdischer Traditionen innerhalb des Islam als auch die folgenschweren Ideologieimporte aus Europa in der Zeit des Kolonialismus im 19. Jahrhundert und der NS-Propaganda im 20. Jahrhundert in den Blick. Dabei kommen auch die im Zuge des Nahostkonflikts verstärkte Anziehungskraft antisemitischer Verschwörungstheorien, der gleichzeitig vielerorts problematische Umgang mit dem Holocaust und die Auswirkungen des jüdischen Massenexodus aus den arabischen Ländern zur Sprache.
1. Ausmaß und Ausdrucksformen des heutigen Antisemitismus
Der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus (UEA) des Deutschen Bundestages legt seinen Berichten ein Verständnis von Antisemitismus „Sammelbezeichnung für alle Einstellungen und Verhaltensweisen“ zugrunde, „die den als Juden wahrgenommenen Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen aufgrund dieser Zugehörigkeit negative Eigenschaften unterstellen.“ Demnach geht es Antisemiten um „Feindschaft gegen Juden als Juden“.3 Das Spektrum reicht vom klassischen Antisemitismus mit seinen früher vornehmlich christlich und dann später rassistisch begründeten Legenden und Verschwörungstheorien über den sekundären, oft auf eine Schuldabwehr zielenden, Antisemitismus bis hin zum israelbezogenen, antizionistischen Antisemitismus, der häufig mit der Klage verbunden ist, jegliche Kritik am Staat Israel werde durch den Antisemitismus-Vorwurf tabuisiert.4
Im deutschen Alltag hat Judenhass heute viele Gesichter: In Berlin wird im Dezember 2018 der Besitzer eines israelischen Restaurants von einem Physiotherapeuten aus der Nachbarschaft unter anderem mit den Worten bedroht: „Ihr werdet alle in den Gaskammern landen. Alle wieder zurück in eure blöden Gaskammern […] Keiner will euch hier.“5 An manchen Schulen sind Mobbing und Beschimpfungen wie „Du Jude“ heute traurige Alltagsrealität. Einzelne Schüler werden körperlich angegriffen und müssen zu ihrem eigenen Schutz die Schule verlassen.6 Juden nehmen heute ganze Stadtviertel in der deutschen Hauptstadt als No-Go-Areas wahr, in denen ihnen mindestens verbale Anfeindungen drohen, wenn sie sich (durch eine Kippa oder einen Davidsstern) als Juden zu erkennen geben. Jüdischer Alltag muss sich zunehmend im Verborgenen oder unter großen Sicherheitsvorkehrungen abspielen.
Auf Bannern und in Schlachtrufen wird auf antiisraelischen Demonstrationen wie dem jährlichen (1979 von Ayatollah Khomeini ins Leben gerufenen) al-Quds-Tag Israel und den Juden der Tod gewünscht und lautstark skandiert: „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein.“7 Hier marschieren Hizbollah- und Hamas-Sympathisanten teilweise sogar gemeinsam mit einzelnen Rechts- und Linksextremisten. Zuletzt eskalierten Demonstrationen anlässlich des Gazakonflikts im Mai 2021 in deutschen Großstädten. In Berlin wurden Polzeibeamte mit Pyrotechnik, Glasflaschen und Pflastersteinen beworfen. Teilnehmer forderten auf Plakaten die Befreiung Palästinas „from the river to the sea“ [vom Jordan bis zum Mittelmeer] und ein Ende des angeblichen „israelischen Genozids in Palästina“, verglichen Israel mit Hitler und bezeichneten es als „Hurensohn“ und „Babymörder“.8 In Gelsenkirchen skandierten Demonstranten direkt vor der Synagoge minutenlang „Scheiß-Juden“.
1.1 Zum umstrittenen Hintergrund antisemitischer Straftäter
Auch antisemitisch motivierte Straftaten haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Während das BKA 2017 1504 Fälle registrierte, waren es 2018 schon 1799, 2019 dann 2032 und 2020 sogar 2351 Fälle.9 Der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus geht allerdings von einer „systematischen Unterschätzung antisemitischer Vorfälle“ und einer hohen Dunkelziffer aus. Nach einer Studie der EU Agency for Fundamental Rights (FRA) von 2013 zum Antisemitismus in EU-Staaten gaben 82 % der Befragten an, den schwerwiegendsten Vorfall antisemitischer Diskriminierung, den sie in den letzten 12 Monaten erlebt hatten, keiner Stelle gemeldet zu haben.10 Zudem wird in der Statistik bei mehreren gleichzeitig begangenen Straftaten einer Person nur die mit der höchsten Strafandrohung aufgeführt.11
Besonders umstritten ist die Frage, aus welchem Milieu die Täter kommen. Die Statistik des Bundeskriminalamtes rechnet seit Jahren rund 90 Prozent (2020: 94,6 %) der antisemitischen Straftaten dem rechten Spektrum zu.12 Diese Zahl basiert jedoch lediglich auf Vermutungen entsprechender Motive bei Erfassung von Straftaten und nicht auf abgeschlossenen Ermittlungen. Kritiker bemängeln, dass bei der Zuordnung naheliegende Zusammenhänge zwischen Eskalationen im Nahostkonflikt und gleichzeitig zunehmenden antisemitischen Straftaten zu wenig berücksichtigt würden.13 Zudem stehen diese Zahlen in deutlichem Widerspruch zur Wahrnehmung betroffener Juden. Nach der europaweiten FRA-Studie von 2013 vermuteten 40 % der Opfer körperlicher Gewalt oder ihrer Androhung bei den Tätern eine extremistisch-muslimische Orientierung, deutlich seltener eine linke (14 %) oder rechte (10 %) politische Einstellung.14 Das Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung befragte 2017 insgesamt 550 Juden. Die meisten von ihnen hatten bereits antisemitisches Verhalten erlebt. Auch sie ordneten die Täter am häufigsten dem muslimischen Milieu zu (bei 62 % der verbalen Beleidigungen und bei 81 % der körperlichen Angriffe), wobei Mehrfachnennungen (z.B. muslimischer und linksextremistischer Hintergrund) möglich waren.15
1.2. Zur Verbreitung antisemitischer Stereotype in Deutschland insgesamt
Verschiedene Umfragen zeigen, dass es nach wie vor auch in der Mehrheitsgesellschaft einen Nährboden für antisemitische Stereotype gibt. Nach einer weltweiten Studie der Anti-Defamation League (ADL) von 2019 glauben beispielsweise 27 % der 600 in Deutschland Befragten, dass Juden „zu viel Macht in der Geschäftswelt“ und „auf den internationalen Finanzmärkten“ haben, 17 %, dass sie „zu viel Kontrolle über die globalen Medien“ haben und 31 %, dass Juden „gehasst [werden], weil sie sich wie Juden verhalten“.16 Laut der Mitte-Studie der Friedrich Ebert Stiftung von 2016 setzen 27 % der Befragten die israelische Politik gegenüber den Palästinensern mit der NS-Politik gegenüber den Juden gleich und betreiben damit laut den Verfassern eine „Täter-Opfer-Umkehr“ zur Entlastung der deutschen Mehrheitsbevölkerung.17
1.3. Zur Verbreitung antisemitischer Stereotype unter Muslimen
Zugleich belegen Untersuchungen, dass Antisemitismus unter Muslimen noch deutlich stärker ausgeprägt ist. Nach der ADL-Umfrage von 2016 zeigten 49 Prozent der befragten Muslime antisemitische Neigungen (gegenüber 14 % der Christen und 12 % der Atheisten).18 Bereits in einer Studie von Jürgen Mansel und Viktoria Spaiser aus dem Jahr 2013 gaben 43,9 Prozent der arabischstämmigen Jugendlichen an, mit Blick auf die Politik Israels gut verstehen zu können, dass „man etwas gegen Juden hat“. Dem stehen 2,1 Prozent bei den altersgleichen Deutschen ohne Migrationshintergrund gegenüber. Im Blick auf den interreligiösen Vergleich ist bezeichnend, dass 22 Prozent der arabischstämmigen und 13 Prozent der türkischstämmigen Jugendlichen der Aussage zustimmten, dass es in ihrer Religion die Juden sind „die die Welt ins Unheil treiben“, gegenüber 2,1 Prozent der deutschen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.19
1.4. Zur Verbreitung von Antisemitismus unter Geflüchteten
Eine im Auftrag des oben bereits erwähnten UEA 2017 durchgeführte Studie unter Geflüchteten konstatiert ein „vergleichsweise hohes Maß an antisemitischen Einstellungen und große Wissenslücken unter Geflüchteten aus arabischen und nordafrikanischen Ländern bzw. Ländern des Nahen und Mittleren Ostens“20, wobei durchaus ein großes Interesse an Informationen zum Holocaust festgestellt wurde. Zugleich bringen die Verfasser ihre Sorge zum Ausdruck, dass sich Geflüchtete bei Enttäuschungen und Diskriminierungserfahrungen radikalisieren und in der Folge Formen eines latent vorhandenen Antisemitismus in antisemitischen Verhaltensweisen niederschlagen könnten.
Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Oktober 2015 seine Sorge vor einem Anstieg des Antisemitismus ausgedrückt hat: „Wenn man zwanzig oder dreißig Jahre lang mit einem israel- und judenfeindlichen Bild aufgewachsen ist, dann wird man dieses Bild nicht einfach an der deutschen Grenze aufgeben“.21
2. Muslimische Einsprüche gegen lähmenden Gruppendruck
Angesichts des ungelösten Nahostkonflikts und begünstigt durch die in großen Teilen sehr einseitige Schwarz-Weiß-Darstellung seiner Geschichte und aktuellen Entwicklung gibt es in der arabischen Welt (aber auch im Iran und in der Türkei) einen starken Anti-Zionismus und Anti-Israelismus. Sowohl religiöse Autoritäten als auch politische Meinungsführer sprechen in der Regel nur von der „zionistischen Entität“ und den Invasoren und verneinen jegliches Existenzrecht Israels oder haben (z.B. im Falle des Iran22, der Hizbollah und der Hamas) wiederholt die Auslöschung Israels offiziell als programmatisches Ziel formuliert.23
Dieses Klima der Herkunftsländer wirkt sich auch auf die Einstellung breiter Teile muslimischer Gemeinschaften im Westen aus. Lamya Kaddor, Mitbegründerin des Liberal-Islamischen Bundes und seit 2021 Duisburger Bundestagsabgeordnete, beklagt einen fatalen Gruppendruck, wenn es um Israel und die Juden geht: „Wer würde in einer Gesprächsrunde, in der Judenhass propagiert wird, widersprechen und klar zu erkennen geben, dass Antijudaismus keinen Plätz in den Köpfen von Muslimen haben darf? Ich kenne kaum jemanden.“24
Abdel-Hakim Ourghi, Dozent für Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, gab in der Neuen Zürcher Zeitung im Juni 2021 anlässlich der jüngsten antisemitischen Eskalationen bei pro-palästinensischen Demonstrationen gegen Israel Einblicke in seine Kindheits- und Jugenderfahrungen in Algerien. Er sei 1992 im Alter von 23 Jahren als „indoktrinierter Antisemit“ nach Deutschland gekommen, nachdem er in Algerien von klein auf einen „unsterblichen Hass“ gegen Juden und den Staat Israel erlebt habe. In diesem Sozialisierungskontext seien Juden immer die Täter gewesen, die „ewigen Feinde“, die für alles Böse verantwortlich waren, Muslime dagegen ausschließlich die Opfer. Diese Erziehung führte nach Ourghi zu einer geistigen Lähmung, Kritik schien ausgeschlossen. Wer sie dennoch übte, wurde selbst zum Feind der Muslime und des Islam erklärt. Jude war in seinem schulischen Kontext ein selbstverständliches Schimpfwort, um Muslime bei schlechtem Verhalten zu beleidigen. Eine „Kultur des Hasses“ zeigte sich für ihn auch in den regelmäßigen Gebeten des örtlichen Imams für die Erniedrigung und Zerstörung der „verfluchten Juden“. 25
3. Die Suche nach den Ursachen und Wurzeln muslimischer Judenfeindschaft
Nimmt man diese Stimmen ernst, erscheint es dringend notwendig, sich intensiver mit den Ursachen und Quellen des gegenwärtigen muslimischen Antisemitismus zu beschäftigen – auch mit jenen, die weiter zurückreichen und nicht direkt mit dem Nahostkonflikt verbunden sind. Schauen wir daher zunächst auf das Bild der Juden, wie es im Koran und in der Überlieferungsliteratur zum Leben des islamischen Propheten (Sira) vermittelt wird.
3.1 Zu den judenfeindlichen Aussagen der islamischen Primärquellen
Nachdem Muhammad nach dem traditionellen islamischen Narrativ zunächst versucht hatte, sich nach seiner Auswanderung (hidschra) von Mekka nach Medina (im Jahr 622 n. Chr). an die Juden anzunähern und an ihren Lehren und Ritualen anzuknüpfen, kam es später zunehmend zur Konfrontation mit den jüdischen Stämmen von Medina – sowohl aufgrund seines wachsenden politischen Machtanspruches als auch aufgrund der jüdischen Ablehnung seines prophetischen Anspruches. Am Ende sah sich Muhammad als Wiederhersteller der wahren und reinen „Religion Abrahams“ von Allah berufen, ein göttliches Strafgericht über die jüdischen Stämme in Medina durchzuführen, die sich nach Darstellung des Korans und der Überlieferung des Unglaubens, der Feindseligkeit gegenüber dem islamischen Propheten und des Verrats der muslimischen Gemeinschaft schuldig gemacht hatten. Zwei Stämme wurden vertrieben, die Männer eines Stammes (die Sīra von Ibn Ishaq spricht mit Verweis auf verschiedene Überlieferungen von 600-90026) grausam hingerichtet, ihre Frauen und Kinder versklavt. Die späten Verse des Korans rechtfertigen dieses harte Vorgehen mit zahlreichen Vorwürfen. Die Juden werden als Rebellen gegen Allahs Willen, als hochmütig, habgierig, verlogen, betrügerisch und neben den Polytheisten als die „schlimmsten Feinde“ der Muslime (Sure 5,82) dargestellt. Einige Juden soll Allah als Strafe für den Bruch des Sabbatgebots in Affen verwandelt haben (u.a. Sure 2,65-66). Johan Bouman spricht daher im Untertitel seines Buches über die innerkoranische Entwicklung des Judenbildes von der „Geschichte einer Tragödie“.27
Gegen eine solche chronologische Lesart des Korans, nach der spätere Offenbarungen frühere ersetzen (Abrogation) und die judenfeindlichen Passagen und Gewaltlegitimationen eine grundsätzliche und zeitlose Gültigkeit beanspruchen, gibt es auch Widerspruch – nicht nur in der westlichen Islamwissenschaft28, sondern auch von Seiten humanistisch orientierter Reformdenker wie dem Religionspädagogen und Soziologen Mouhanad Khorchide, der in Münster das Zentrum für Islamische Theologie leitet. Er besteht auf einer historischen Kontextualisierung anstelle einer literalistischen Auslegung der einschlägigen Texte und bedauert, dass die theologischen Gemeinsamkeiten von Juden und Muslimen29 im Zuge des Nahostkonflikts zunehmend in den Hintergrund gerückt seien.
In einem gemeinsam mit dem jüdischen Rabbiner und Hochschullehrer Walter Homolka vom Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs 2021 herausgegebenen Buch spricht er von einem ambivalenten Verhältnis zu den Juden im Koran, wobei er Texten wie Sure 2,62 zentrale Bedeutung beimisst, nach denen Juden, Christen und Sabier, „die an Gott und den jüngsten Tag glauben und tun, was recht ist“ Lohn von Allah erwarten können und keine Angst vor dem Gericht haben müssen. Judenkritische Koranstellen möchte er im Rahmen einer historisch-kritischen Lesart der überlieferten Prophetenbiographie vor dem Hintergrund damaliger politisch und nicht theologisch begründeter Konflikte mit bestimmten jüdischen Gruppen verstanden wissen, nicht als zeitlose Legitimation einer muslimischen Judenfeindschaft.30
3.2 Zum ambivalenten muslimisch-jüdischen Verhältnis in der Geschichte
Muslimische Reformtheologen und westliche Islamwissenschaftler, die trotz judenfeindlicher Passagen in den islamischen Primärquellen dafür plädieren, lediglich von einem aus Europa importierten und dann später „islamisierten Antisemitismus“ zu sprechen, verweisen in der Regel auch auf die Geschichte jüdisch-muslimischer Beziehungen. Beispielsweise fanden viele Juden, die im Zuge der christlichen Reconquista aus Spanien vertrieben wurden, Zuflucht in Gebieten Nordafrikas und der heutigen Türkei. Als „Leute des Buches“ (ahl al-kitab) und sog. Schutzbefohlene (Dhimmis) genossen sie einerseits wie die Christen einen grundsätzlichen Schutz von Leben und Eigentum und eine (gerade im Vergleich zu ihrer prekären Situation unter gleichzeitiger christlicher Herrschaft) relativ große Religions- und Kultfreiheit sowie Verwaltungs- und Rechtssprechungsautonomie.
Andererseits waren sie als Bürger zweiter Klasse unter islamischer Vorherrschaft keineswegs gleichberechtigt und unter anderem zur Zahlung einer besonderen Kopfsteuer und Rücksicht auf Scharia-Bestimmungen und muslimische Gefühle im öffentlichen Raum verpflichtet. Durch regional unterschiedlich stark ausgeprägte Diskriminierung manifestierte das Dhimmi-System den religiösen Überlegenheitsanspruch des Islam und die mit ihm verbundene Abwertung des Juden- und Christentums zu bloßen Vorläuferreligionen mit angeblich im Laufe der Zeit verfälschten Offenbarungen. Trotz grundsätzlicher Schutzgarantien kam es im Laufe der Geschichte auch unter islamischer Herrschaft zu antijüdischen Pogromen – u.a. 1066 im spanischen Granada, 1828 im marokkanischen Tetuan, 1941 in Bagdad und 1947 im syrischen Aleppo und im bahrainischen Manama.31
Bernard Lewis hatte bereits Mitte der 1980er Jahre die idealisierten Darstellungen des islamischen Spanien (al-Andalus) aus dem 19. Jahrhundert mit ihrem „Schwarz-Weiß-Bild von christlicher Intoleranz und muslimischer Toleranz“ 32 hinterfragt und betont, dass die Rolle der Judenverfolger und der Zuflucht Gewährenden keineswegs immer gleich verteilt waren. Auch der französische Historiker George Bensoussan, selbst in einer jüdisch-marokkanischen Familie aufgewachsen, widerspricht bis heute weit verbreiteten Narrativen vom überwiegend glücklichen und harmonischen muslimisch-jüdischen Zusammenleben, das erst durch den Kolonialismus des 19. und vor allem durch den Zionismus und die Staatsgründung Israels im 20. Jahrhundert zerstört worden sei. In seiner 2017 in Französisch und 2019 in Deutsch vorgelegten Studie stützt er sich auf eine umfangreiche Sammlung arabischer, westlicher und jüdische Chroniken, Reise- und Augenzeugenberichte sowie diplomatische und militärische Archive.33 Bensoussan zeigt, dass die Duldung der Juden trotz mancher Wertschätzung an zahlreichen Orten mit vielfachen Formen alltäglich spürbarer Erniedrigung einherging.34
3.3 Zum antisemitischen Import in der Zeit des Kolonialismus
Stereotype des europäischen Antisemitismus wie die Ritualmordlegende haben erstmals in der Zeit des westlichen Kolonialismus Eingang in die islamisch geprägten Länder gefunden. Michael Kiefer weist in diesem Zusammenhang auf die besondere Bedeutung der so genannten Damaskus-Affäre im Jahre 1840 hin. Der damalige französische Konsul der Stadt, Benoit Ulysse de Ratti-Menton, hatte die Juden der Stadt beschuldigt, einen Pater aus dem Kapuzinerkloster entführt und getötet und anschließend mit seinem Blut Matzen gebacken zu haben. Nur durch internationalen Protest konnte am Ende verhindert werden, dass zahlreiche bereits auf Anordnung des osmanischen Statthalters verhaftete und gefolterte Juden mit dem Tod bestraft wurden. Die Affäre löste weit über die syrische Hauptstadt hinaus antijüdische Übergriffe aus. In der Folgezeit kam es nach Kiefer im Osmanischen Reich immer wieder zu mehrheitlich von Christen vorgebrachten Ritualmordbeschuldigungen35, die im 20./21. Jahrhundert auch von muslimischen Autoren und Politikern aufgegriffen wurden.
3.4 Zum Einfluss der NS-Propaganda auf den Nahen Osten
Allerdings können weder die judenfeindlichen Passagen islamischer Primärquellen noch der antisemitische Ideologietransfer aus der Kolonialzeit und die kriegerischen Eskalationen im arabisch-israelischen Nahostkonflikt hinreichend erklären, warum Hitler und „Mein Kampf“ sich in der MENA-Region derart großer Beliebtheit erfreuen und auch andere einflussreiche Schriften des europäischen Antisemitismus wie die erstmals 1926 von arabischen Christen übersetzten36 „Protokolle der Weisen von Zion“ in Ländern wie Syrien und Ägypten Bestseller sind. Letztere Schrift hat allein in arabischer Sprache mehr als 60 verschiedene (teils mehrfach aufgelegte) Ausgaben erlebt37 – in Ägypten einst mit der ausdrücklichen Empfehlung des Präsidenten Gamāl Abd an-Nāṣir und auch in Syrien mit dem offiziellen Stempel der Regierung. Führende NS-Funktionäre konnten nach dem Krieg wichtige Positionen in Geheimdiensten, Informations- oder Propagandaministerien in Ägypten und Syrien besetzen.38
Wie unter anderem Forschungsbeiträge von Martin Cüppers und Klaus Michael Mallmann39 sowie David Motadel40 zur NS-Politik im Nahen Osten darlegen, hatten die Nationalsozialisten Ende der 1930er Jahre ihre anfängliche Zurückhaltung gegenüber der palästinensischen Bewegung aufgegeben und fortan deren Kampf gegen die jüdische Besiedlung ideologisch und militärisch unterstützt und im Rahmen der Zusammenarbeit mit antikolonialistischen Kräften nationalistischer und islamistischer Couleur versucht, den Islam für ihre eigenen geopolitischen und militärischen Interessen im Kampf gegen die Alliierten und einen im britischen Teilungsplan vorgesehenen jüdischen Staat im Nahen Osten zu instrumentalisieren.
Als besonders folgenschwer erwies sich die enge Verbindung zwischen Hitler und dem Jerusalemer Mufti und politischen Palästinenser-Führer Muhammad Amin al-Husseini (1895–1974), die unter anderem von Klaus Gensicke in seiner politischen Biographie41 analysiert wird. Bei der Eröffnung seines „Islamischen Zentral-Instituts“ im Dezember 1942 zählte der von 1941 bis 1945 in Berlin lebende Mufti in Anwesenheit von Goebbels die Juden zu „den erbittertsten Feinden der Muslime“, „die ihnen seit altersher Feindseligkeit bekundet und allenthalben andauernd mit Tücke und List begegneten“. Der Koran und die Biographie des islamischen Propheten seien „voll von Belegen jüdischer Charakterlosigkeit […] um die Muslime vor ihrer stets akuten Gefahr und Feindseligkeit bis ans Ende aller Tage zu warnen.“42
Der Hamburger Historiker Matthias Küntzel richtet in seinem 2021 erschienen Buch „Die Nazis und der Nahe Osten“ den Blick auf eine möglicherweise auf al-Husseini zurückgehende Schrift mit dem Titel „Islam und Judentum“, die bereits im August 1937 veröffentlicht und auf der ersten panarabischen Konferenz im syrischen Blūdān verteilt, später mit Hilfe der Nazis massenweise u.a. in arabischer Sprache verbreitet worden ist. Es war nach Küntzel diese Schrift (und nicht erst islamistische Werke nach der israelischen Staatsgründung wie Sayyid Qutbs Essay „Unser Kampf gegen die Juden“43 aus dem Jahr 1950), die erstmals Muhammads Auseinandersetzung mit den Juden von Medina mit dem europäischen Antisemitismus und dem gegenwärtigen Konflikt verbunden hat. Die Schrift führt dazu auch einen – später von Antisemiten wie den Verfassern der Hamas-Charta von 1988 vielzitierten – Hadith aus der Sammlung von Bukhari an, nach dem Muslime Juden in einer endzeitlichen Schlacht bekämpfen und selbst Bäume und Steine, hinter denen sich die Juden verstecken, sagen werden: „Oh Muslim, oh Diener Gottes! Da ist ein Jude hinter mir: Komm und töte ihn!“44
Küntzel dokumentiert u.a. anhand der Aufzeichnungen von Diplomaten der Allliierten auch die nachhaltige Wirkung der jahrelangen arabisch- (teilweise auch persisch- und türkischsprachigen) NS-Propaganda über den Kurzwellensender „Radio Zeesen“. Die Programme sprachen die Hörer mit einleitenden Koranversen bewusst als fromme Muslime an und wiederholten in den Kriegsjahren 1939–1945 immer wieder die Notwendigkeit eines muslimischen Widerstandes gegen das Weltjudentum, das angeblich mithilfe der Engländer und Amerikaner die al-Aqsa zerstören und den ganzen Islam vernichten wolle.45 Im März 1944 rief al-Husseini über einen solchen Sender alle Araber zur Tötung der Juden auf: „Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet. Das gefällt Gott, der Geschichte und der Religion.“46
Im Gegensatz zu verbreiteten Erklärungsansätzen, nach denen aktueller Judenhass unter Muslimen vor allem eine Folge der israelischen Staatsgründung ist, konstatiert Küntzel in seiner zentralen Schlussfolgerung, „dass nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonfliktes den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzung“47 – also ein antisemitisches Klima deutlich mehr als bisher vermutet zur kategorischen Ablehnung des britischen Teilungsplanes Jahre vor und zur arabischen Kriegserklärung anlässlich der Staatsgründung Israels 1948 beigetragen hat.
3.5 Zur wachsenden Anziehungskraft antisemitischer Verschwörungstheorien
Wie stark auch immer man den Einfluss der NS-Propaganda auf die Eskalation im arabisch-jüdischen Konflikt gewichtet, die bitteren Früchte dieses Ideologieimports sind heute unübersehbar. Nach den Studien der Anti-Defamation-League sind antisemitische Verschwörungstheorien in der MENA-Region auch im gesellschaftlichen Mainstream stark verbreitet. So zeigen sich z.B. 66 % der Ägypter, 75 % der Iraker und Tunesier, 79 % der Algerier und 51 % Türken überzeugt, dass Juden für die meisten Kriege in der Welt verantwortlich seien.48 Auch der türkische Präsident Erdogan und andere hochrangige AKP-Funktionäre bedienen sich immer wieder solcher Verschwörungstheorien eines jüdischen „Mastermind“ (üst akıl), das die Welt regiert.49
Das Verschwörungsdenken wurde in den letzten 25 Jahren durch den sukzessiven Ausbau des leistungsfähigen Internets und durch die Film- und Fernsehproduktionen der neugegründeten arabisch- und türkischsprachigen Satellitenkanäle einem Massenpublikum zugänglich. So erzählt beispielsweise die iranische (auch in Arabisch und Türkisch ausgestrahlte) Fernsehserie „Zahras blaue Augen“ die Geschichte eines israelischen Politikers, der palästinensische Kinder entführt, um ihnen Organe für seinen eigenen Sohn zu entnehmen – eine populäre islamische Aktualisierung der christlich-antisemitischen Ritualmordlegende. Auch die 29-teilige Serie asch-Schatat („Die Diaspora“) greift die Fiktion einer jüdischen Weltherrschaft aus den „Protokollen“ auf: Sie schildert detailliert, wie Juden einen Ritualmord an einem christlichen Kind begehen, um aus seinem Blut Matzen zu backen. In den Jahren 2003 bis 2005 wurde diese Serie u.a. von syrischen, iranischen und jordanischen Sendern zur besten Sendezeit an den Abenden des Ramadans ausgestrahlt.50 Eine Ausnahme stellt die während des Ramadans 2015 ausgestrahlte Fernsehserie Haret al-Yahud („Das jüdische Viertel“) dar, die die Liebesgeschichte eines ägyptischen Offiziers mit einer jungen Jüdin erzählt und (wie die israelische Botschaft in Kairo in dankbarer Verwunderung über Facebook mitteilte) „Juden zum ersten Mal als natürliche, echte Menschen und Kinder Adams“ zeige.51
Wie bei nicht-islamischen Erscheinungsformen des Antisemitismus ist „der Jude“ im Verschwörungsdenken für alle inneren Missstände und äußeren Bedrohungen der Gemeinschaft, ihrer Territorien, ihrer kulturellen und religiösen Identität und ihrer politischen Stabilität verantwortlich. Auch innerislamische Konflikte (u.a. zwischen der al-Fatah und der Hamas) werden in Karikaturen von Mainstreammedien nicht selten auf die verborgenen Umtriebe und Machenschaften der Juden und Zionisten zurückgeführt und militante Gruppen wie der „Islamische Staat“ mit seinen verheerenden Auswirkungen auf das weltweite Image des Islam als gemeinsames Produkt von Mossad und CIA präsentiert.
Das Selbstverständnis, die beste Gemeinschaft auf Erden mit der vollkommenen, abschließenden und einzig unverfälschten Offenbarung zu sein (u.a. Sure 3,110), der Allah den Sieg über alle anderen Religionen verleihen wird (u.a. Sure 9,33), sahen viele Muslime in der islamischen Frühzeit durch rasante Expansion und militärische Erfolge bestätigt. Seit mehr als zwei Jahrhunderten befindet man sich jedoch in einer Situation vielfältigen Unterlegenheit gegenüber dem Westen – in wirtschaftlicher, politischer, militärischer sowie wissenschaftlich-technologischer Hinsicht.
Gerade Israel und die über Jahrhunderte eher als schwach und verachtenswert wahrgenommenen Juden52 gelten heute vielen Muslimen im Nahen Osten als faszinierendes und zugleich demütigendes Beispiel für diese westliche Übermacht. Die vernichtende Niederlage der arabischen Staaten gegen Israel im Sechstagekrieg von 1967 hat die Identitätskrise noch verschärft. Wo die vor allem von Islamisten propagierte islamische Lösung aller Missstände nicht gelingt und säkular-nationalistische Diktatoren von sozialen und ökonomischen Missständen oder Korruption im eigenen Machtapparat ablenken wollen, findet man in Israel und den Juden den geeigneten Sündenbock.53
3.6 Zum Umgang mit dem Holocaust
Eine Spurensuche zum muslimischen Antisemitismus muss auch die Frage nach dem Umgang mit dem Holocaust einbeziehen.54 Neben Holocaustleugnern wie dem iranischen Revolutionsführer Ali Khamenei oder dem ehemaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der 2006 antizionistische, islamistische und rechtsextremistische Holocaustleugner zu einer internationalen Konferenz nach Teheran einladen ließ55, gibt es heute auch starke Tendenzen zur Relativierung des Holocaust – vor allem dort, wo die israelische Politik (u.a. in unzähligen Zeitungskarikaturen) mit dem NS-Terror und dem Holocaust gleichgesetzt wird.56
Zuweilen rechtfertigen einflussreiche islamische Religions- und Rechtsgelehrte wie der ägyptische Fernsehprediger Yūsuf al-Qaraḍāwī den Holocaust auch als göttliche Strafe für die Juden. Mit seiner wöchentlichen Sendung auf al-Jazeera hatte er zwei Jahrzehnte lang zwischen 30-40 Millionen Zuschauer weltweit. In einem Buch zur Bedeutung Jerusalems für jeden Muslim führt er aus, dass Juden sich niemals gebessert hätten. Allah habe daher Adolf Hitler und anderen Macht über sie gegeben, um einen Frevler durch einen anderen heimzusuchen.57 Im Januar 2009 drückte al-Qaraḍāwī in einer auf Qaṭar TV ausgestrahlten Predigt seine Hoffnung aus, dass das Gericht über die Juden nach der „göttlichen Bestrafung“ des Holocaust das nächste Mal „durch die Hand der Gläubigen“ geschehe und er selbst sein Leben einmal im Kampf gegen „Allahs Feinde, die Juden“ mit dem Martyrium beschließen könne. Hitler habe es bei aller Übertreibung geschafft, die Juden auf ihren Platz zu verweisen.58 Gleichzeitig beteuert derselbe Gelehrte an anderer Stelle, dass es keinen religiösen Konflikt mit den Juden, sondern nur einen politischen Konflikt mit den Zionisten gebe.59
Eine erfreulich klare Gegenposition bezieht der ehemalige saudische Justizminister und heutige Generalsekretär der Islamischen Weltliga, Muhammad al-ʿĪsā. In einem Brief an die Direktorin des US Holocaust Memorial Museum in Washington bezeichnete er 2018 jegliche Leugnung oder Relativierung des Holocaust als „ein Verbrechen“. Anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung die KZ-Gedenkstätte in Ausschwitz im Januar 2020 besuchte al-ʿĪsā dann die dortige Gedenkstätte zusammen mit einer 62 muslimischen Delegierten aus mehr als 25 Ländern sowie Angehörigen von Holocaust-Überlebenden wie David Harris, dem Direktor des American Jewish Committe. Dabei verurteilte al-ʿĪsā den Holocaust als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Zugleich rief er Muslime auf, sich mit der Geschichte des Holocaust auseinanderzusetzen, und beschrieb seinen eigenen Besuch als „heilige Pflicht“ und „tiefe Ehre“.60 In einer gemeinsamen Erklärung schrieben al-ʿĪsā und Harris: „The Holocaust reminds us of the human capacity for inhumanity, depravity and bestiality.“61
3.7 Zum jüdischen Bevölkerungsrückgang in den islamischen Ländern
Es ist sicher kein Zufall, dass antisemitisches Verschwörungsdenken heute gerade dort weit verbreitet ist, wo es kaum (noch) Juden gibt und persönliche Begegnungen nicht stattfinden. Nach der Staatsgründung Israels und dem arabisch-israelischen Krieg 1948 nahm der Druck auf die jüdische Bevölkerung in den muslimischen Mehrheitsgesellschaften der MENA-Region deutlich zu. In den meisten Ländern kam es ab 1941 vermehrt zu antijüdischen Ausschreitungen und dann vor allem in Verbindung mit den Kriegen von 1948, 1967 und 1973 zu einem regelrechten jüdischen Massenexodus, wobei die Betroffenen häufig fast ihren gesamten Besitz zurücklassen mussten. Von fast 900.000 Juden, die vor 1948 in den arabischen Ländern gelebt haben, sind nach Darstellung des österreichischen Politikwissenschaftlers Stephan Grigat nur noch wenige Tausend übriggeblieben – die meisten in Marokko und Tunesien. Umso verwunderlicher ist für ihn, dass das Thema in Debatten zum Nahen Osten außerhalb Israels kaum Beachtung findet.62
Rita Breuer schildert, wie es in Ägypten, das im 19. Jh. in Osteuropa und im 20. Jh. im nationalsozialistischen Deutschland verfolgten Juden Zuflucht geboten hatte, nach der Staatsgründung Israels zu mehreren Auswanderungswellen gekommen ist. Gab es Mitte des 20. Jh. noch 80.000 Juden in Ägypten, sind es heute vermutlich weniger als 100, in der Hauptstadt Kairo nur noch etwa 20.63 Ähnlich dramatisch entwickelte sich die jüdische Präsenz im Irak. Stellten sie allein in Bagdad in den 1930er Jahren mehr als ein Viertel der Bevölkerung, lebten nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 nur noch zwanzig Juden in der Hauptstadt. Im Jemen schrumpfte die Zahl jüdischer Einwohner von 60.000 auf 50, in Syrien von 30.000 auf weniger als 15. In Algerien und Libyen, wo 1948 noch 140.000 bzw. 38.000 Juden lebten, gibt es heute keinen einzigen Juden mehr.64
Grigat erwähnt bei der Ursachenerforschung neben „’push‘-Faktoren“ wie Verfolgung und Diskriminierung sowie ökonomischen Problemen und politischer Instabilität auch „’pull‘-Faktoren“ wie die „zionistische oder religiöse Sehnsucht nach einer jüdischen Heimstätte“65. Die Hauptursache sieht er aber in den vom europäischen Antisemitismus befruchteten „antijüdischen Traditionen“ und israelfeindlichen Perspektiven der meisten arabischen Führer.
4. Schlussfolgerungen
Wie die Auswertung einschlägiger Forschungsbeiträge der letzten Jahre zeigt, greifen Erklärungsansätze, die ausschließlich den ungelösten Nahostkonflikt und in diesem Zusammenhang oft vornehmlich die israelische Politik für die starke Verbreitung von Judenhass unter Muslimen verantwortlich machen, deutlich zu kurz. Eine zukünftige, lösungsorientierte Auseinandersetzung mit muslimischem Antisemitismus kann allerdings nur dann fruchtbar verlaufen, wenn sie auch kritische Stimmen von Muslimen wahr- und die muslimische Diversität zu diesem Thema auch ernst nimmt, statt Muslimen pauschal eine unveränderliche judenfeindliche Grundhaltung zu unterstellen. Die folgenden Anregungen greifen daher als erstes muslimische Gegenstimmen und Präventionsansätze auf.
4.1 Den Nahostkonflikt nicht in Deutschland austragen, aber differenziert thematisieren
Anlässlich der erneuten Eskalationen zwischen der Hamas und Israel im Mai 2021 veröffentlichten jüdische und muslimische Organisationen einen gemeinsamen offenen Brief, in dem sie „eine neue Welle des Hasses und der Propaganda“ verurteilen; entschieden lehnen sie es ab, den Nahostkonflikt in Deutschland auszutragen und Juden und Muslime hierzulande für die dortigen Geschehnisse verantwortlich zu machen. Zugleich fordern sie bei diesem hoch emotionalen Thema Raum für unterschiedliche Perspektiven. Der Konflikt ist für sie kein zwingendes Thema jüdisch-muslimischer Begegnungen.66
Im schulischen Bereich erscheint dagegen eine weitgehende Ausblendung des Nahostkonflikts kontraproduktiv. Der in Schulen und Jugendtreffs gegen Antisemitismus engagierte arabisch-israelische Psychologe Ahmad Mansour aus Berlin sieht vor allem die Bildungsinstitutionen in der Verantwortung. Angesichts hasserfüllter Schwarz-Weiß-Propaganda müssten Lehrkräfte besser darauf vorbereitet werden, im Unterricht differenziert über den Nahostkonflikt zu reden und die Jugendlichen zum kritischen Nachdenken über Verschwörungstheorien befähigen.67
4.2. Persönliche Begegnung fördern
Für Mansour selbst war es entscheidend, als junger Student in Tel Aviv eigene persönliche Erfahrungen in der Begegnung mit realen Juden zu machen und dadurch die Entmenschlichung und Dämonisierung der Juden, wie er sie im radikal-islamischen Kontext seiner Heimatmoschee erlebt hatte, kritisch zu hinterfragen.68 Hier setzen verschiedene Projekte wie die mit dem Zentralrat der Juden verbundenen Initiativen „Meet a Jew“ und „SchalomAleikum“ an. „Meet a Jew“ will in Vereinen, Schulen und Universitäten individuelle Einblicke in die Vielfalt des jüdischen Alltagslebens geben, um abstrakte, vorurteilsbeladene Bilder von „den Juden“ aufzubrechen. „Shalom Aleikum“ fördert das generationsübergreifende Kennenlernen jüdischer und muslimischer Akteure der Zivilgesellschaft – „jenseits der Funktionärsebene“.69
Von der Unverzichtbarkeit persönlicher Begegnung ist auch Aycan Demirel überzeugt, der Mitbegründer und heutige Direkter der „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“ (KIgA). Bei seinem Bemühen, Anfang der 2000er Jahre dem großen Israelhass und antisemitischen Parolen am Kottbuser Tor etwas entgegenzusetzen, erkannte er, dass es zur Überwindung des Problems mehr als einmalige Gedenkstättenbesuche oder historisch-politische Diskussionen braucht. Die KIgA-Mitarbeiter haben mehrheitlich einen migrantischen und/oder muslimischen Hintergrund und zum Teil eigene Fluchterfahrung und thematisieren in ihren Workshops auch Herausforderungen des Islamismus und der persönlichen Identitätsbildung angesichts eigener Diskriminierungserfahrungen. Das Interesse von Schulen (auch Grundschulen) hat in den letzten Jahren bundesweit stark zugenommen.70
4.3 Kein doppelter Maßstab
Wenn Europa dem wachsenden Antisemitismus jeglicher Prägung entgegenwirken will, darf es bei seinen Reaktionen keinen doppelten Maßstab anlegen wie im Juni 2016 bei der skandalösen Rede von Mahmud Abbas vor dem EU-Parlament in Brüssel. Der PLO-Chef hatte behauptet, dass es ohne die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete im gesamten Nahen Osten und weltweit keinen Terror mehr geben würde. Gleichzeitig sprach er von „gewissen Rabbinern“, die der israelischen Regierung klar angekündigt hätten, das Trinkwasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten.71 Diese erschreckenden Entgleisungen hielten die meisten Europa-Abgeordneten nicht davon ab, Abbas am Ende seiner Rede stehend Beifall zu klatschen. Später musste Abbas zugeben, keinerlei Belege für seine Anschuldigungen zu haben. Der fehlende Proteststurm außerhalb Israels gegen die Verbreitung „eines der ältesten und widerwärtigsten Stereotype“ (der jüdischen Brunnenvergiftung) im EU-Parlament zeigt aus Sicht der Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel, „wie normal, wie habitualisiert und wie akzeptiert antisemitisches Gedankengut in unserer Gesellschaft wieder ist.“72
Mit Blick auf die deutsche Debatte, ob man von einem islamischen Antisemitismus oder lieber von einem islamistischen oder islamisierten Antisemitismus sprechen sollte, weist Matthias Küntzel zurecht darauf hin, dass auch die Rede vom „christlichen Antisemitismus“ keineswegs alle Christen weltweit anklage, sondern eine „bestimmte eng definierte Ideologie“ benennen solle, um sie dann gezielt innerhalb des christlichen Kontextes zu bekämpfen. Auch auf muslimischer Seite eine „spezifische Ausprägung von Judenhass“ mit ihren charakteristischen Kennzeichen und Konsequenzen klar zu benennen, bedeutet demnach keineswegs, judenfreundliche Passagen oder muslimische Kritiker des Antisemitismus zu ignorieren.73
4.4 Sich als Christ selbstkritisch und konstruktiv einbringen
Letztere unterstreichen mit ihrem mutigen, leidenschaftlichen und kreativen Einsatz, dass es keineswegs einen unüberwindbaren Zusammenhang zwischen einer muslimischen Identität und antisemitischen Einstellungen gibt. Angesichts ihrer äußerst weiten Verbreitung braucht es jedoch dringend innerislamisch und gesamtgesellschaftlich dringend eine ehrliche Auseinandersetzung mit ihren historischen Wurzeln sowie heutigen religiösen Begründungen und gesellschaftspolitischen Funktionen. Christen können hier konstruktiv begleiten, wenn sie sich der dunklen Kapitel in der eigenen Geschichte des Antijudaismus und des antisemitischen Ideologieexports bewusst sind und zugleich ihre Verantwortung wahrnehmen, sich hier und heute für die Freiheit und den Schutz jüdischen Lebens einzusetzen – vor Angriffen aus allen ideologischen Richtungen.
