Muslimische Reaktionen auf den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023

Muslimische Reaktionen auf den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 und den nachfolgenden Krieg Israels in Gaza – eine Dokumentation ausgewählter Stimmen

Von Carsten Polanz

Der Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 und der dadurch ausgelöste Krieg in Gaza haben in den letzten Monaten auch in Deutschland zahlreiche Demonstrationen und kontroverse Debatten ausgelöst. Die Anzahl judenfeindlicher Straftaten hat sich nach Angaben des Bundeskriminalamtes seitdem vervierfacht.1 In der gesellschaftlichen Debatte kommt immer wieder die Frage auf, wie sich islamische Verbände zu den Entwicklungen im Nahen Osten und zu den antisemitischen Entgleisungen auf propalästinensischen Demonstrationen positionieren. Die folgende Dokumentation will einen ersten Überblick zu den Reaktionen wichtiger islamischer Dachverbände und Initiativen sowie zum Meinungsspektrum weiterer prominenter muslimischer Stimmen aus dem innerislamischen Diskurs der letzten Monate geben und damit einen Beitrag zur Versachlichung einer dringend notwendigen Debatte leisten.

Türkische Gemeinde in Deutschland: Fassungslosigkeit und scharfe Verurteilung

Sehr früh und sehr deutlich meldete sich die säkulare Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) zu Wort. Sie verurteilte sowohl die terroristischen Angriffe und Geiselnahmen der Hamas-Terroristen als auch die „die Feierlaune an manchen Orten in Deutschland auf das Schärfste“ und erklärte ihr Mitgefühl mit allen Angehörigen der Opfer und ihre Solidarität mit den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Dis antisemitische Gewalt und die unzähligen Misshandlungen hätten die TGD „in große Bestürzung und Fassungslosigkeit versetzt“2. Die Bundesvorsitzenden Gökay Sofuoglu und Aslıhan Yasilkaya-Yurtbay wiesen relativierende Stellungnahmen entschieden zurück und schlossen sich Forderungen nach einer aus ihrer Sicht leider dringend notwendigen Verstärkung des Schutzes jüdischer Einrichtungen an.

DITIB und DIYANET: Mehrdeutiger Friedensaufruf in Deutschland

Die erste Freitagspredigt der DITIB, des größten Moscheedachverbands in Deutschland, war mit dem Titel überschrieben „Der Islam ruft alle Menschen zum Frieden auf“. In ihr wird weder Israel noch die Hamas namentlich erwähnt. Auf der einen Seite wird ausgeführt, dass Terrorismus und Krieg mehr als alles andere „das Umfeld des Vertrauens“ zerstöre. Terroristische Handlungen werden „unabhängig davon, von wem sie ausgehen“, verurteilt, jede Art von Unterdrückung abgelehnt. Es heißt, dass Muslime Menschen Barmherzigkeit erweisen und sie am Leben erhalten wollten und es das Ziel des Islam sei, für ein Leben in Frieden und Sicherheit zu kämpfen. Die Predigt schließt mit einem Gebet darum, dass „Jerusalem und seine Umgebung …] den Frieden und die Ruhe erlangt, die es verdient.“3

Für ein tieferes Verständnis der zentralen Botschaft dieser Predigt darf man diese sehr friedlich wirkenden Aussagen allerdings nicht isoliert betrachten, sondern muss sich auch mit einem anderen roten Faden der Argumentation beschäftigen. Gleich im dritten Satz heißt es:

„Die Menschen, die die Saat des Bösen und nicht die Saat des Guten, die in ihrer Brut vorhanden ist, hegen und pflegen, sind auch die Urheber der Kriege um Vorherrschaft und Interessen, die diese unsere schöne Welt in eine Hölle verwandeln.“4

Was möglicherweise für Außenstehende auf den ersten Blick als Kritik am Hamas-Terror verstanden werden könnte, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Ausdruck eines antisemitischen Verschwörungsdenkens, das Israel zum Sündenbock und Urheber aller Kriege macht. Für diese Interpretation sprechen zunächst einmal die auffälligen Parallelen zu Formulierungen in einem späteren Absatz. Dort geht es um die Ablehnung „jegliche[r] Art von Besatzungsversuchen, die ein Umfeld der Ängste, der Furcht, des Hasses und der Hetze schaffen und unsere schöne Welt unbewohnbar machen wollen“5. Den Zuhörern wird damit unmissverständlich signalisiert, wer die „schöne Welt“ am stärksten bedroht: Israel.

Antisemitische Rechtfertigungen des Hamas-Terrors durch die DIYANET in der Türkei

Dabei muss man beachten, dass die DITIB-Predigten vom türkischen Präsidium für Religionsangelegenheiten (DIYANET) in Ankara vorgegeben und von der Kölner DITIB-Zentrale ins Deutsche übersetzt werden. Es besteht also eine institutionelle und ideologische Abhängigkeit von der AKP-geführten DIYANET. Wer die öffentlich demonstrierte Nähe Erdogans zur internationalen Muslimbruderschaft im Blick hat und auch wahrgenommen hat, wie er die Hamas nach dem Terror als Befreiungsorganisation und gleichzeitig Israel vor dem türkischen Parlament als „Terrorstaat“ bezeichnet hat6, muss schlussfolgern, dass auch in dieser in rund 1000 deutschen DITIB-Moscheen gehaltenen Predigt Israel zumindest indirekt die alleinige Schuld an der erneuten Eskalation im Nahen Osten gegeben werden sollte.

In der Türkei erscheint Israel in der ebenfalls zentral von der DIYANET vorgegebenen Freitagspredigt vom 13. Oktober (mit dem Titel: „Mit Unterdrückung kann man nicht bestehen“) als „rostiger Dolch, der im Herzen der islamischen Geographie steckt“. Israel habe in den besetzten Gebieten auf alle Formen der Unterdrückung gegen Muslime zurückgegriffen, habe die ganze Bevölkerung „mit schrecklichen Waffen und Bomben massakriert“. In Gaza fände „die größte Tyrannei der Geschichte“ statt. Muslime hätten keine andere Möglichkeit, „als im Kampf für die Freiheit Widerstand zu leisten.“7

Ali Erbaş ist als DIYANET-Präsident verantwortlich für den Wortlaut dieser Predigt und zugleich oberster Dienstherr der rund 1000 Imame der deutschen DITIB-Moscheen. Im Rahmen eines Emergency Gaza Meetings beharrte er am 30. Oktober darauf, dass Jerusalem, Palästina und Gaza den Muslimen gehöre. In offenkundiger Anlehnung an antisemitische Weltverschwörungstheorien führte er weiter aus, dass die israelischen „Angriffe“ auf einem „schmutzigen und perversen Glauben“ basierten, nach denen sich die Zionisten als „Herren der Welt“ und die Erde als ihr „Privateigentum“ betrachten würden.8

Die Staatskanzlei in NRW hatte angesichts dieser DIYANET-Propaganda den Druck auf den DITIB-Landesverband erhöht, aber nach dessen Bekenntnis zum Existenzrecht des Staates Israels und einer uneingeschränkten Distanzierung „von jeder Form der Verunglimpfung des Judentums und des jüdischen Glaubens“ an der weiterhin hoch umstrittenen Zusammenarbeit im Rahmen des islamischen Religionsunterrichts festgehalten.9

Der Koordinationsrat der Muslime: Aufruf zum sofortigen Ende der Gewalt

Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland, zu dem die DITIB, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Islamrat und der Verband islamischer Kulturzentren gehören, forderte in seiner ersten Reaktion am 8. Oktober unter der Überschrift „Pressemitteilung zur Eskalation am Gazastreifen zwischen Hamas und Israel“ ein „sofortiges Ende der Gewalt und der Eskalation“. Hier ist lediglich von einem Angriff die Rede, „bei der sic] auf beiden Seiten mehrere hunderte Menschen ums Leben gekommen sind.“10 Raketenabschüsse und Gewalt gegen Zivilisten werden verurteilt und die Freilassung der entführten Zivilisten, vor allem der Frauen und Kinder, gefordert.

Die relativ kurze Stellungnahme, die offenbar bewusst auf eine Bezeichnung der Hamas als Terrororganisation verzichtet, warnt zugleich davor, Synagogen und Moscheen in Deutschland als „Projektionsfläche dieser gewalttätigen Auseinandersetzung“ zu machen. Gewalt und Hass hätten „keinen Platz auf deutschem Boden“. Der KRM verweist auch auf die regelmäßig nach islamistischen Terroranschlägen zitierte Sure 5,3211. Die internationale Gemeinschaft wird in der Pflicht gesehen, „schnellstmöglich einen Waffenstillstand auszuhandeln“. Laut KRM ist es vor allem die palästinensische Bevölkerung, die unter dem jahrelangen Konflikt leidet. Von einem israelischen Recht auf Selbstverteidigung gegen eine Terrororganisation, die gleich nach dem 7. Oktober angekündigt hat, solche terroristischen Angriffe auf Israel immer wieder zu begehen, ist keine Rede. Der KRM fordert aber abschließend eine Lösung, „bei der das Existenzrecht beider Völker in Würde gewährleistet ist“12.

Klage über Verleumdung und Dämonisierung von Muslimen

Am 19. Oktober folgte eine weitere Pressemitteilung des KRM mit einem Appell zur Deeskalation und einer ausdrücklichen Verurteilung von „Terror gegen die Zivilbevölkerung in Israel“13. Gleichzeitig ist von unverhältnismäßigen israelischen Angriffen gegen zivile Ziele die Rede. Konkret wird auf die Explosion im christlich-baptistischen al-Ahli-Krankenhaus verwiesen, die allerdings nach Untersuchungsergebnissen von Human Rights Watch vom 26.11.2023 „offenbar von raketengetriebener Munition ausgelöst“ wurde, „wie sie häufig von bewaffneten palästinensischen Gruppen verwendet wird.“14

Angriffe auf jüdisches Leben wie der auf eine Berliner Synagoge am 18. Oktober werden in der Erklärung ebenso wie Angriffe auf Sicherheitskräfte aufs Schärfste verurteilt. Zugleich sieht sich der KRM, „aktuell mit teils ungeheuren Unwahrheiten an den Pranger gestellt“, obwohl man sich in der Vergangenheit immer wieder gegen Hass und Rassismus, Gewalt und Terror positioniert habe. Der KRM wirft hier Teilen der Politik bewusste Fehlinformationen vor und sieht eine „neue Eskalationsstufe beim Verleumden und Dämonisieren von Muslimen“15 erreicht, wenn Muslime sich (wie im Fall des inzwischen verbotenen marxistisch-nationalistischen Vereins Samidoun) auch für die Taten von Areligiösen verantworten müssten.

Antisemitismus und „antimuslimischer Rassismus“ dürften keinen Platz in der Gesellschaft haben. Gleichzeitig dürfte die Meinungsfreiheit nicht aus Angst vor Instrumentalisierungen durch Extremisten eingeschränkt und das Eintreten für das palästinensische Volk nicht mit Terrorverherrlichung gleichgesetzt werden. Laut KRM führt die „Delegitimierung unterschiedlicher Perspektiven“ zu einem Vertrauensverlust und einem Gefühl der Ohnmacht. Von der Politik fordert der KRM „Zurückhaltung und Respekt vor dem Leid und den Bedenken der Muslime“. Sie seien ein „Teil der Gesellschaft“ und ein „Teil der Lösung“16.

Kritik an polarisierter Nahostdebatte

Auch eine dritte Erklärung des KRM vom 7. November 2023 beklagt eine Spaltung der Gesellschaft durch die laufende Nahost-Debatte, die Vorurteile schüre und zu verbalen und physischen Angriffen auf Juden und Muslime führe. Die mediale Berichterstattung vermittle den falschen Eindruck, dass es nur zwei Lager gebe, das pro-palästinensische und das pro-israelische. Dabei würden die meisten Menschen auf beiden Seiten Frieden und ein Ende der Gewalt fordern. Der KRM mahnt eine sachlichere und differenziertere Debatte an und bedauert zugleich eine fehlende öffentliche Anteilnahme an dem Leid den tausenden zivilen Opfern im Gaza-Krieg. Gerade bei jüngeren Muslimen führe der Generalverdacht zu einer Entfremdung gegenüber der Gesellschaft. Konkret beklagt der KRM eine Stigmatisierung muslimischer Kinder und Jugendlicher durch „Gesinnungsabfragen“17. Schüler, die auch das palästinensische Leid thematisieren wollten, würden ausgegrenzt.

Anlässlich der 85. Jahrestag der Reichspogromnacht sprach der aktuelle KRM-Sprecher Laurent Ibra von einer „Mahnung und Lehre nicht nur für Deutschland, sondern für die gesamte Menschheit“. Es sei beschämend, dass es heute immer noch Anschläge auf Synagogen und antisemitische Hetzparolen gäbe und Juden in Angst und Sorge lebten. Im Blick auf die starke Emotionalisierung vieler Menschen angesichts der Dramatik im Nahen Osten warnte Ibra davor, Menschen kollektiv für Verbrechen in Israel und Gaza in Haft zu nehmen.18

Milli Görüs: Freitagspredigt zur eigenen moralischen Überlegenheit

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs ist nach der DITIB der zweitgrößte Moscheeverband in Deutschland und wird vom Verfassungsschutz dem legalistischen Islamismus zugerechnet. Ihre Freitagspredigt vom 13. Oktober 2023 trägt den Titel „Zum Guten rufen, vom Schlechten fernhalten“19. Dies bezieht sich auf Koranverse wie Sure 3,110, die die islamische Umma als „beste Gemeinschaft“ unter den Menschen rühmt, die das Gute gebietet, das Schlechte verbietet und an Allah glaubt. Zwang und Gewalt seien verboten, heißt es mit Verweis auf Sure 16,125 („Lade ein zum Weg deines Herrn, mit Weisheit und schöner Ermahnung…“). Muslime sollten stets freundlich sein und nicht verurteilend oder erniedrigend sprechen. Erst ganz am Schluss geht die Predigt auf die aktuellen Ereignisse ein, die Muslime „mit tiefer Trauer“ erfüllt hätten. Angriffe auf unschuldige Menschen und eine kollektive Bestrafung seien inakzeptabel. Alle Parteien und internationalen Organisationen werden zu einem gemeinsamen Einsatz für ein „Ende des Blutvergießens“20 aufgerufen. Die Hamas und ihr Terror werden hier offenbar bewusst nicht beim Namen genannt.

Auch in der Freitagspredigt der IGMG vom 20. Oktober 2023 mit dem Titel „Aufruf zu Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“21 vermisst man eine namentliche Erwähnung der Hamas. Der Islam wird hier als „Religion des Friedens, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ beschrieben, die die Religion des Menschen und sein Leben und seinen Besitz schützt. Demnach hat der Islam der Menschheit beigebracht, dass es auch im Krieg Rechte gibt und keine Frauen, Kinder und älteren Menschen angegriffen werden dürfen. Muslime müssten Unrecht unabhängig von der Frage seines konkreten Urhebers ansprechen und verhindern. Es sei religiöse und rechtliche Pflicht, sich für den Schutz unschuldiger Zivilisten sowie von Moscheen, Kirchen, Synagogen, Krankenhäusern und Schulen einzusetzen. Man lehne Gewalt gegen die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten ab, ebenso die kollektive Bestrafung der Palästinenser. Niemandem dürfte Zugang zu Grundbedürfnissen wie Nahrung, Medizin und Strom verwehrt werden. Jeder müsse am Jüngsten Tag Rechenschaft ablegen – auch für Leid, das er schutzlosen Menschen angetan habe. Abschließend ist von der muslimischen „Gemeinschaft der Mitte“ die Rede. Man rufe zum Guten auf und bete darum, „dass kein Hass in unsere Herzen gelangt“ und Allah die gesamte Menschheit vor jeder Form der Gewalt beschütze. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem eklatanten Widerspruch zwischen solchen Idealen und der gegensätzlichen Realität des Hamas-Terrors und seiner islamischen Rechtfertigung durch deren Anhänger und Sympathisanten findet an keiner Stelle statt.22

Die Freitagspredigt vom 27. Oktober 2023 trägt den Titel „Ruf nach Menschlichkeit“23 und beklagt einleitend angesichts von Hass, Feindschaft und Krieg, wie sehr der Mensch sowohl sich als auch seinen Mitmenschen fremd geworden sei. Anschließend richtet sich der Blick auf den Nahen Osten. Es ist von „Kinderleichen“ die Rede, „die aus den Trümmern hervorgehen“ und „Wehklagen der Eltern, die in den Himmel steigen“. Zivilisten würden getötet und „Menschenrechte und Gesetze mit Füßen getreten“. Auch diese Predigt kritisiert an keiner Stelle konkret die menschenverachtende, islamistische Ideologie der Hamas und ihre perfide Kriegstaktik, die eigene Zivilbevölkerung als Schutzschilde zu missbrauchen und die Zahl ziviler Opfer bei israelischen Militärschlägen durch Kommandozentralen, Waffenlager und Tunnel unter oder neben Schulen und Krankenhäusern bewusst in die Höhe zu treiben. Die Predigt schließt mit dem „rettende[n] Ruf des Islams […] an die gesamte Menschheit“24.

Anlässlich kritischer Rückfragen zur Zurückhaltung seines Verbands bei der konkreten Verurteilung des Hamas-Terrors äußerte Ali Mete, der Generalsekretär der IGMG, in einem Streitgespräch für die Wochenzeitung „Die Zeit“ mit der grünen Bundestagsabgeordneten Lamya Kaddor zumindest seine persönliche Ablehnung deutlicher:

„Das ist ein terroristischer Anschlag, ohne Wenn und Aber. Ich bin eigentlich ein sehr nüchterner und ruhiger Mensch, aber manchmal werde ich auch emotional, wie jetzt.“25

Wenn man wisse, warum es für Deutschland zur Staatsräson gehöre, das Existenzrecht Israels zu verteidigen, dann sei das „natürlich auch Teil meiner Geschichte hier in Deutschland als Muslim“. Er halte Demonstrationen für Palästina persönlich in dieser „hitzigen Situation“26 für falsch. Gleichzeitig beklagte er, dass positive Signale von muslimischer Seite wie eine gemeinsame Erklärung der Schura Niedersachsen und der dortigen jüdischen Gemeinde übersehen würden. In einer Pressemitteilung vom 24. Oktober 2023 bezeichnete er Angriffe auf Synagogen und Moscheen als „zwei Seiten derselben hässlichen Medaille“ und Antisemitismus und Islamfeindlichkeit als „Brüder im Geiste von Rassisten“27.

Zentralrat der Muslime: Verurteilung im Sinne einer „Ja-aber-Rhetorik“

Auch der Zentralrat der Muslime hat neben seiner Beteiligung an den KRM-Erklärungen eigene Stellungnahmen veröffentlicht. In einer ersten, knappen Mitteilung von drei kurzen Absätzen werden die „jüngsten Angriffe der Hamas auf Zivilisten“ verurteilt und dann direkt beide Seiten zu einem sofortigen Stopp der Kampfhandlungen aufgerufen. Anstelle einer ausdrücklichen Solidaritätsbekundung wird gleich im dritten Satz Israel an den Pranger gestellt:

„Zutiefst verstörend ist, dass Siedler flankiert durch die israelische Armee seit zwei Jahren palästinensische Dörfer und die Al-Aqsa Moschee angreifen, ohne dass die internationale Gemeinschaft eingreift.“28

Vertreter verschiedener Parteien hatten dem ZMD daraufhin vorgeworfen, durch diese Art der „Täter-Opfer-Umkehr“ und der „Ja-aber-Rhetorik“ den Hamas-Terror in inakzeptabler Weise zu relativieren.29 Im letzten Absatz werden deutsche Juden und Muslime zur Einheit im „Glauben an den Einen Gott“ und zur gegenseitigen Solidarisierung für den Frieden aufgerufen.

Eine zweite Erklärung vom 27.10.2023 wiederholte die Forderung nach einem sofortigen Waffenstillstand und warf Israel die „Bombardierung unschuldiger Zivilisten in Gaza“ vor. „Krieg und Kollektivstrafen“ würden Leid und Hass auf allen Seiten verstärken.30

Islam- und Politikwissenschaftler Murtaza: Angriffe auf Juden als Ausdruck des Unglaubens

Dass man sich klarer von der Hamas distanzieren kann, zeigt der Beitrag des pakistanisch-deutschen Islam- und Politikwissenschaftlers Muhammad Sameer Murtaza, der am 24. Oktober 2023 als „Meinungsaufsatz“ auf der vom ZMD verantworteten Website islam.de veröffentlicht wurde. Murtaza ist Bildungsreferent beim jüdisch-muslimischen Bildungswerk Maimonides und freier Mitarbeiter bei der Stiftung Weltethos. Selbstverständlich sei die Hamas keine Widerstandsbewegung, sondern eine Terrororganisation, da sie „gezielt und auf bestialische Weise Zivilisten tötet und entführt.“31 Für Murtaza ist auch selbstverständlich, dass Israel das Recht auf Selbstverteidigung habe und militärisch zurückschlagen dürfe, um die Geiseln zu befreien. Wer dagegen den Hamas-Terror feiere, verhöhne die Opfer. Wer Juden diffamiere oder gar Gewalt gegen sie oder ihre Synagogen ausübe, bringe dadurch seinen Unglauben und seinen Widerstand gegen Gott zum Ausdruck. Gleichzeitig sei es „ethisch völlig legitim“, für den Frieden und den Schutz der palästinensischen Bevölkerung zu demonstrieren, und unmoralisch, das palästinensische Leid angesichts israelischer Bombardements als „Kollateralschaden“32 zu trivialisieren. Das Leben eines palästinensischen Kindes sei nicht weniger wert als das eines israelischen Kindes.

Murtaza ruft nach mehr Ehrlichkeit in der Debatte über den Nahostkonflikt

Murtaza mahnte zugleich an, „im Schatten dieser Tragödie auch die palästinensische Frage“ in den Blick zu nehmen. Er selbst unterscheidet den territorialen Konflikt um konkrete Grenzen vom ökonomischen Kampf um knappen Wohnraum und begrenzte landwirtschaftliche Ressourcen und dem regionalen Konflikt mit den arabischen Nachbarstaaten, in den ausgerechnet der frühere US-Präsident Trump mit den Abraham Accords Bewegung gebracht habe. Erst in vierter Hinsicht handele es sich um einen religiösen Konflikt, wobei Murtaza von einer Ideologisierung der Religion spricht, bei der Land zum „goldenen Kalb“33 geworden sei.

Zugleich fordert der Autor mehr Ehrlichkeit – auch bezüglich einer Zweistaatenlösung, die für ihn inzwischen nahezu unmöglich geworden ist. Angesichts innen- und sicherheitspolitischer Zwänge müsse man anerkennen, dass „Israel kaum Handlungsmöglichkeiten“ besitze, „außer immer wieder militärisch zurückzuschlagen“. Der Autor beklagt, dass man auf beiden Seiten eine „Hierarchie der Wertigkeit von Leid“ geschaffen habe. Während auf westlicher Seite antipalästinensische Gewalt, Vertreibungen, Enteignungen und Plünderungen im Zuge der Staatsgründung ausgeblendet würden, habe man auf palästinensischer Seite barbarischen Terror „durch Religion, linke postkoloniale Argumenten und Whataboutism“34 gerechtfertigt. Dahinter könne auch Missgunst stehen, da Israel die eigenen nach dem Ende des Kolonialismus unerfüllten Wünsche nach Religiosität und gleichzeitiger Selbstbestimmung und ökonomischer Prosperität verkörpere. Nach Murtaza braucht es im Kampf gegen Antisemitismus vor allem anderen Begegnungen und Räume, in denen sowohl Palästinenser als auch Israelis ihre Narrative erzählen könnten, ohne dabei das Leid der anderen zu relativieren.

Wie er in einem Interview mit dem Netzwerk Ethik heute vom 16. November 2023 ausführte, verstärke derzeit die simplifizierte Darstellung des Konflikts in den Medien vorhandene Feindbilder auf beiden Seiten. Juden und Muslime würden so als „Stellvertretersoldaten entweder der Hamas, der Palästinenser oder des israelischen Staates“35 angesehen. Angesichts des komplexen Konflikts sieht Murataza einen ersten wichtigen Schritt in der Erkenntnis von Juden und Muslimen, nicht als Individuen für diesen verantwortlich zu sein. Man solle sich vielmehr gemeinsam für die Opfer dieser Kriege einsetzen.

In einem „Zeitalter der Ideologien“ seien totalitäre islamistische Gruppen wie Hamas in Reaktion auf die westliche Überlegenheit und den eigenen politischen und ökonomischen Niedergang entstanden. Muslime würden heute erschrocken feststellen, dass „diese Ideologisierung des Islam“ sowohl der Religion als auch den Glaubensgeschwistern und Mitmenschen schweren Schaden zugefügt und keineswegs die Spiritualität des Islam wiederbelebt habe.36 Angesichts abschreckender Beispiele wie des IS gebe es vielmehr eine „Tendenz zur Säkularität“, u.a. in Tunesien, Marokko und Ägypten auch Hinwendungen zum Atheismus. Er selbst zeigt sich aber erstaunlich optimistisch, dass die „Zeit des ideologischen Islam“ bereits vorbei sei und das iranische Regime, die Muslimbrüder und die Hamas lediglich „Überreste“37 darstellten.

Zentren für Islamische Studien warnen vor doppelten Standards

Insgesamt 29 Professorinnen und Professoren der Zentren für Islamische Studien (Zefis) zeigten sich in einer gemeinsamen Stellungnahme vom 17. Oktober 2023 angesichts des Hamas-Terrors „zutiefst erschüttert und getroffen“38 und angesichts mancher Jubelszenen und antisemitischen Ausschreitungen geschockt und entsetzt. Man blicke zugleich besorgt auf die drohende humanitäre Katastrophe im Gazastreifen. Weiter heißt es:

„Seit vielen Jahren treten wir als muslimische Akteure in Deutschland für Dialog und Anerkennung ein. Wir weisen in Forschung und Lehre auf die historischen und gegenwärtigen Gefahren von Enthumanisierung, Stigmatisierung und Diskriminierung von Einzelnen und Gruppen hin. Aktiv sind wir im Austausch mit Jüdinnen und Juden, bauen in Deutschland jüdisch-muslimische Allianzen auf und positionieren uns gemeinsam gegen Ausgrenzung, gegen Antisemitismus und Judenfeindlichkeit ebenso wie gegen Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus.“39

Man sei „in Gedanken bei allen unschuldigen Opfern“. Aus Respekt vor der Menschenwürde verbiete es sich, das Leid „der jeweils Anderen“ zu relativeren. Gleichzeitig warnen die Verfasser vor doppelten ethischen Standards. Es müssten dieselben Maßstäbe „für uns und die anderen“ im In- wie im Ausland angelegt werden. Um das friedliche Miteinander zu sichern, dürfe man sich nicht selektiv und vereinnahmend auf Prinzipien und Werte berufen. Politiker werden aufgerufen, sich vermittelnd einzubringen und die „vielen zivilen Stimmen“ für Frieden und Deeskalation „auf beiden Seiten des Krieges“40 wahrzunehmen.

Offener Brief fordert kritische Überprüfung aktueller Kooperationen

In einem offenen Brief unter der Überschrift „Ein Anruf genügt“ vom 9. Oktober 2023 distanzieren sich Seyran Ates, Rechtsanwältin und Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe Moschee in Berlin, die Journalistin Güner Yasemin Balci, der Diplom-Psychologe Ahmad Mansour, der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland Ali Ertan Toprak und weitere unmissverständlich von Gewalt als „Mittel zum Zweck“41 und verurteilen die Glorifizierung des Terrors aufs Schärfste. Es dürfe nicht länger ignoriert werden, dass es islamistischen Gruppen wie der Hamas nicht um legitime Kritik z.B. an der israelischen Siedlungspolitik oder der Justizreform, sondern um die Verneinung des Existenzrechts Israels, ja um die Vernichtung des Staates Israel geht. Sie beklagen Terror relativierende Stellungnahmen in den offiziellen Reaktionen der Verbände. Dabei habe die Politik gerade diese Verbände als „zentrale Ansprechpartner“ in der Islamismus-Prävention hofiert. Darum sei es höchste Zeit, sich mit dem zunehmenden arabisch und türkisch geprägten Antisemitismus auseinanderzusetzen. Dazu gehöre auch eine kritische Überprüfung bisheriger Kooperationen v.a. mit solchen Verbänden, „die eindeutig islamistischen Strukturen zugeordnet werden können“. Entscheidendes Kriterium für eine Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen dürfe nicht die Befürwortung oder Anwendung von Gewalt, sondern die Haltung zu den „liberalen Grundwerten“42 sein, zu denen auch die klare Ablehnung des Antisemitismus gehöre.

Die Unterzeichner fordern zudem die Wiedereinsetzung des Expertenkreises Politischer Islamismus und signalisieren ihre Bereitschaft zur Mitarbeit. Der Kreis war unter dem früheren Innenminister Horst Seehofer einberufen und dann von seiner Nachfolgerin Nancy Faser aufgelöst worden. Zu den Unterzeichnern gehören auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph de Vries sowie verschiedene Uni-Professorinnen und -Professoren wie der Berliner Soziologe und Migrationsforscher Ruud Koopmans, die Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher und die Frankfurter Ethnologin Susanne Schröter.43

Ehemaliger DITIB-Justiziar Kayman: Erlernte Tradition des Hasses durchbrechen

Scharfe Kritik zum Umgang der islamischen Dachverbände mit Antisemitismus in den eigenen Reihen übt der ehemalige Justiziar des DIITB-Bundesverbands, Murat Kayman. Er ist Mitbegründer der al-Hambra-Gesellschaft, die sich nach ihrem Selbstverständnis „unermüdlich und beharrlich für eine freiheitliche und pluralistische Gesellschaft“ einsetzen möchte. 2021 hat er sein erstes Buch vorgelegt, in dem er v.a. den Einfluss muslimischer Überlegenheitsvorstellungen auf Extremismus und Gewaltbereitschaft reflektiert.44 Bereits darin hatte er beklagt, dass ein muslimisches „Wir“ auch mittels Verschwörungstheorien und Feindseligkeit gegenüber Israel und den Juden konstruiert werde.

In seinem Blogeintrag vom 9. Oktober bezeichnet Kayman den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 als Zäsur:

„Wenn man bestialischen Terror nicht mehr als solchen verurteilen kann, weil er von Glaubensgenossen begangen werden, dann stimmt entweder etwas mit diesem Glauben nicht, oder wir Muslime sind nicht mehr in der Lage, moralische Grundsätze unserer Religion gegen den Hass in den eigenen Reihen aufrechtzuerhalten“45

Kayman selbst glaubt nicht an eine „vererbte, genetisch determinierte oder religiös zwangsläufige Niedertracht“46. Vielmehr müsse man Hass lernen, eine Tradition des Hasses pflegen, um sie zu verbreiten. Der aktuelle Judenhass unter Muslimen erscheint ihm im krassen Widerspruch zu seiner eigenen Sozialisation zu stehen, obwohl es auch auf beiden Seiten seiner Familie prägende Erfahrungen von Vertreibung in der eigenen Familiengeschichte sieht er die Möglichkeit, die Tradition des Hasses durch eine aktive Entscheidung zu durchbrechen.

Kayman erwartet, dass viele junge Muslime sich letztlich von den Verbänden abwenden und ihren Glauben verlieren oder aufgeben werden. Im Blick auf die deutsche Religionspolitik sieht er die dringende Notwendigkeit für eine (selbst)kritischere Debatte, „wer in Deutschland mit welchen Inhalten als Imam für hiesige Moscheen arbeitet, und auch, wer sie mit welchen Glaubensvorstellungen und Haltungen ausbildet.“47 In einem Interview vom 17. Oktober 2023 warf er den Moscheeverbänden vor, doppelt zu kommunizieren. Während die konkreten Taten nach außen als terroristisch bezeichnet würden, komme innen an, dass die Hamas durchaus einen legitimen Kampf führe, aber in diesem konkreten Fall „ein bisschen übertrieben“48 habe.

Wie Kayman in dem Interview darlegt, hat er für seine kritischen Äußerungen in der eigenen Community starken Gegenwind erfahren. Man spreche ihm das Muslim-sein ab, um sich nicht mit dem Inhalt seiner Kritik auseinandersetzen zu müssen. Er sei aber nicht länger bereit, das gemeinschaftliche Erleben seines Glaubens mit dem Schweigen über die Missstände zu bezahlen, könne aber verstehen, dass gerade jüngere Muslime sich in einem „immensen Zwiespalt“49 befinden, weil ihnen die Gemeinschaft auch Halt gebe und positive Erlebnisse ermögliche. Sie sähen den weit verbreiteten Hass, so dass eine Solidarisierung mit der Hamas vielen alternativlos erscheint und die Bereitschaft, Juden zu hassen, als Voraussetzung dafür, „ein richtiger Muslim zu sein.“50 Da so die Einstellung zum Nahostkonflikt zur entscheidenden Identitätsfrage gemacht werde, sei er von der Heftigkeit der Proteste nicht überrascht. Angesichts weit verbreiteter Hetze seien tätliche Angriffe „immer im Bereich des Möglichen“51.

Der Pädagoge Burak Yilmaz zum Erfolg der Hamas-Propaganda in den sozialen Medien

Auch der Pädagoge und Autor Burak Yilmaz hat sich an verschiedenen Stellen in die Diskussion eingeschaltet. Er engagiert sich seit vielen Jahren leidenschaftlich gegen Judenhass sowohl in der muslimischen Community als auch innerhalb der Mehrheitsgesellschaft.52 Dafür hat er u.a. das Projekt „Junge Muslime in Ausschwitz“ ins Leben gerufen: Seit 2018 ist er mit dem Theaterstück „Muhammed und Benjamin“ bundesweit in Schulen unterwegs, um junge Menschen für den Umgang mit Antisemitismus und Rassismus zu sensibilisieren. In einem Interview mit dem Radiosender WDR 5 vom 31. Oktober 202353 warnte Yilmaz vor dem verheerenden Einfluss von sozialen Medien wie TikTok und Instagram. Hoch emotionale Filme, in denen Bilder toter Babys und Kinder mit islamistisch-mystischer Musik unterlegt würden, dienten der Hamas-Propaganda, bauten ein Feindbild Israel auf, das als übermächtiges System verteufelt werde, „um die eigene Ohnmacht zu inszenieren.“ Solche Propaganda spiele leider sehr erfolgreich mit der „Opferrolle“. Die entsprechenden Narrative von Macht und Ohnmacht seien auch in der nicht-muslimischen Jugendkultur – zum Beispiel bei Fridays for Future – stark verbreitet. Durch den Algorithmus der sozialen Medien würden Jugendliche mit dem „absoluten Horror“54 konfrontiert, bei der pure Emotionen an die Stelle von Wahrheit und Fakten treten.

Der Pädagoge sieht Tik Tok und Instagram in der Verantwortung, Gegenmaßnahmen gegen antisemitische Vernichtungsphantasien zu ergreifen. Zudem müsse das Problem auch in Schulen thematisiert werden. Medienkompetenzen wie das Bewusstsein für die Mechanismen solcher Propaganda sollten gestärkt werden. Für Islamisten hierzulande ist der Nahostkonflikt laut Yilmaz ein „gefundenes Fressen“55. Manche hätten die Zahl ihrer Follower seitdem um 300 Prozent gesteigert. Junge Muslime stünden unter einem enormen Druck, ihre islamische Identität durch Teilnahme an den Demos unter Beweis zu stellen, um nicht von der eigenen Peer-Group ausgegrenzt zu werden.

Wie Yilmaz in einem Gastkommentar für die Jüdische Allgemeine vom 28. November 2023 ausführte, steht das jüdisch-muslimische Verhältnis vor einem „Scherbenhaufen“. Man habe den Nahostkonflikt jahrelang als „Elephant in the room“56 aufgrund seines erahnten Spaltungspotenzials ausgeblendet.57

Fazit

Die vorliegende Dokumentation zeigt ein breites Spektrum an muslimischen Reaktionen auf den Hamas-Terror. Sie bewegen sich zwischen scharfer Verurteilung und großer Fassungslosigkeit auf der einen Seite und deutlichen Tendenzen der Relativierung und der zumindest indirekten Rechtfertigung andererseits. Im Blick auf die gesellschaftliche Integration von Muslimen sind hier vor allem einzelne Stellungnahmen der großen Moscheedachverbände alarmierend. Forderungen nach einer kritischen Überprüfung bestehender staatlicher Kooperationen sind daher folgerichtig. Zwar verurteilen einige Verbände ausdrücklich den Terror gegen die Zivilbevölkerung und warnen vor einer Austragung des Konflikts auf deutschen Straßen. Bei der DITIB unterstreichen aber bewusst mehrdeutige Formulierungen einmal mehr das grundlegende Problem der institutionellen und ideologischen Abhängigkeit vom türkischen Religionsministerium in Ankara mit seinem antisemitischen Weltverschwörungsdenken. Bezeichnend ist auch, dass die IGMG als zweitgrößter Moscheedachverband die erste Freitagspredigt nach dem Terror dazu genutzt hat, die religiös-moralische Überlegenheit der muslimischen Gemeinschaft zu propagieren statt den Terror der Hamas beim Namen zu nennen und sich selbstkritisch mit dessen islamischer Rechtfertigung auseinanderzusetzen. Wasser auf die Mühlen der Israelhasser ist auch die Täter-Opfer-Umkehr in der ersten Reaktion des ZMD.

Deutlich anders sieht das in manchen Debattenbeiträgen prominenter muslimischer Einzelstimmen aus, die das Selbstverteidigungsrecht Israels betonen und der Hamas barbarischen Terror und eine perfide Kriegstaktik vorwerfen, mehr Ehrlichkeit und Differenzierung im Blick auf den komplexen Konflikt fordern und vor Doppelstandards auf beiden Seiten warnen. Die Beiträge von Kayman und Yilmaz lenken den Blick auf die tiefe Identitätskrise einzelner Muslime wie auch der muslimischen Gemeinschaft als Ganzes. Sie zeigen, dass der innerislamische Gruppendruck beim Thema Israel derart hoch ist, dass auch viele, die der Hamas kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, lieber schweigen, um keine Zweifel an ihrer islamischen Identität aufkommen zu lassen. Dabei bräuchte es gerade jetzt noch viel mehr mutige Stimmen aus der islamischen Community selbst, die gerade in den Schulen und Universitäten unseres Landes die jahrzehntelang gepflegte Tradition des Judenhasses und die Einseitigkeit islamistischer Propaganda in den sozialen Medien hinterfragen.

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